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Die Geschichte von Familie Müller


"Ein tragisches Schicksal, das jedem widerfahren kann."

 


Im Notfall 

Lesezeit: 03:00 Minuten



Als ich sah, dass die Polizei anrief, wusste ich sofort, dass es ernst war.

In so einem Moment bedarf es keiner grossen Worte. Der ernste Tonfall und die langen Pausen sagen schon alles.

Meine Mutter Anna wurde von einem Kleinlaster angefahren, als sie gerade die Strasse auf einem Fussgängerstreifen überquerte. Der Fahrer fuhr einfach davon.

Der Polizist teilt mir mit, dass Ermittlungen eingeleitet wurden. Mehr kann er mir trotz meiner beharrlichen Fragen nicht sagen. 

«Herr Müller, bleiben Sie ruhig, ich schicke Ihnen jemanden vorbei. Wo sind Sie denn?»

Kreuzgasse 12. Aber ich verstehe nicht, was das bringen soll. 

Nachdem ich aufgelegt habe, übermittle ich das elektronische Notfallblatt meiner Mutter an das Spital, in das sie gebracht wurde. Zumindest geben sie ihr dann keine Acetylsalicylsäure, auf die ist sie nämlich allergisch.
 
Die Einsatzkräfte waren schnell vor Ort.

Ein Passant rief 144 und die Sanität kam nur wenige Minuten später an. Den Massnahmen der Ersthelfer ist es zu verdanken, dass meine Mutter nicht am Unfallort verstarb. 

Die Diagnose ist nicht gut. Schädeltrauma, mehrere Brüche und mögliche innere Blutungen. Die Sanitäter nahmen alles in ihren Bericht auf.

Meine Mutter wurde ins Universitätsspital gebracht. Im Schockraum riecht es nach Schweiss, Blut und Desinfektionsmitteln. 

Pflegekräfte schieben das Bett meiner bewusstlosen Mutter durch die Gänge. Die weissen Hemden wimmeln um sie herum.

«HF 150, Blutdruck: 85/40, kaltschweissig.»

«Das gefällt mir nicht, beeilt euch», sagt der Kaderarzt ruhig.

6 Stunden später sitze ich mit Christian im Wartesaal der Intensivstation des Spitals. 

Christian ist mein Vater. Ich nenne ihn nicht gerne Papa. Ich weiss, dass er getan hat, was er konnte, aber ich nehme ihm vieles übel. Er konnte und wollte sich nie alleine um etwas kümmern und hat immer meine Mutter alles machen lassen. Eine andere Generation. Eine Generation, mit der ich nichts anfangen kann. Deren Lebensweise mir nicht gefällt.

«Wenn du Zuhause mehr Verantwortung übernommen hättest, wäre Mama jetzt nicht hier!», werfe ich ihm vor.

«Daniel, beruhige dich bitte und hör auf, so einen Unsinn zu reden», entgegnet er mir herablassend. 

«Wenn du einkaufen gegangen wärst ...»

«Ja, dann wäre ich überfahren worden! Du hast genug gesagt, Daniel.» Er fixiert mich mit einem finsteren Blick. Mit demselben Blick, vor dem ich mich fürchtete, wenn mein Bruder und ich mal wieder eine Dummheit gemacht hatten.

Eine Tür öffnet sich und ein erschöpfter Arzt kommt mit ernster Miene auf uns zu. In seiner rechten Hand hält er einen Bericht. Ohne Umschweife erklärt er uns:

«Anna Müllers Zustand ist kritisch. Wir konnten die Blutung stoppen, sie schwebt aber weiterhin in Lebensgefahr. Wir haben sie in ein künstliches Koma versetzt. Sie können in wenigen Minuten zu ihr. Die Krankenschwester, die sich um sie kümmert, holt Sie dann.»

Kaum fertig gesprochen, bewegt er sich in Richtung Ruheraum. Seit über 6 Stunden kämpft er um das Leben von Anna Müller. 

Im Wartesaal kehrt wieder Ruhe ein. 

Mein Vater würdigt mich keines Blickes mehr. Als gäbe es mich nicht. Er starrt auf den Boden.

Macht er sich Vorwürfe? Oder realisiert er gerade, dass er ohne seine Frau verloren ist? Ich würde ihn gerne fragen, mein Zorn lässt es aber nicht zu. Und ich möchte nicht weiter streiten, meiner Mutter zuliebe.

Eine Stimme, die ich nur allzu gut kenne, dringt vom Flur in den Wartesaal.

Ich hoffe, meine Müdigkeit spielt mir einen Streich. 

Aber vergebens gehofft, sie ist tatsächlich da.

Nicole betritt den Raum und blickt uns verzweifelt an. 

Drei Jahre ist es her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe.

Meine liebe Schwester.

Der Chihuahua in ihren Armen drückt mit einem Knurren seinen Unmut aus und bricht so die Stille im Wartesaal.

«Was machst du hier?», frage ich sie.

 

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